Interview mit Anni Sigl (82)-Apfelexpertin

Anni Sigl(82) wohnt mit ihrem Mann Alois im Unteren Bayerischen Wald und hat über 210 Apfelsorten in ihrem 3000 qm grossen Garten. Bekannt wurde das Paar 2013 durch den Film des Bayerischen Rundfunk und das Buch „Arm sind wir nicht“.Wir wollten von Anni wissen wie das so ist mit den Äpfeln und haben ihr ein paar Fragen gestellt:

Anni Sigl in ihrem Apfelgarten-Sommer 2018

Wolfgang: Hallo Anni, du hattest vor Kurzem Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch. Wie alt bist den geworden geworden?

Anni Sigl:Ja Danke. I bin erst so jung, bin 82. (Lacht)

Wolfgang: Respekt, das ist ja ein stolzes Alter. Und wie ist das Wetter heute am Fachingsdienstag?

Anni Sigl: i woar grad im Obstgarten und bin bis zu den Knien im Schnee eingesunken. So gute 40 cm Schnee haben mir noch. i schick mal n Meter Schnee nach München damit ihr wisst wie es ist wenn man nicht mehr zur Tür heraus kommt ( lacht )

Wolfgang: Oh, einen Meter Schnee, den brauchen wir nicht in München…Anni, wie bist du den zu den Äpfeln gekommen? Seit wann hast du Äpfel?

Anni:Äpfel ham mir schon immer gehabt, schon bevor i auf der Welt war. Meine Eltern haben schon immer Äpfel angebaut. Als ich hierher geheiratet hab, hab ich auch gleich Äpfel gehobt. Mir haben immer Äpfel.I woas das net anders in meinem Leben wie Äpfel.

Wolfgang: Was für Apfelsorten hat man den deine Eltern früher im Bayerischen Wald angebaut?

Anni: Ja mei, so alte Sorten halt wie den Boskoop, Danziger Kantapfel, Kaiser Wilhelm, Kaiser Alexander, die Schafsnase, Goldparmäne solche Sorten eben.

Wolfgang: Wieviele Apfelbäume hast du in deinem Garten?

Anni: i hob 60 Apfelbam und 210 Sorten, i hob 3000 qm und alles auf niedrigeren Bäumen, Buschbäume und hab alle sehr niedrig gehalten und kann so bis in die Gipfel hinein reichen. Die hohen Deifeln die wo ma a Feierwehrleitern braucht, die mog i net. Erst im letzte Joahr steigt a oalts Wei aufn Bam und fällt 4 Meter tief herunter.Da hat si sich die Schulter brochen, des Becken brochen und Rippen brochen. Des hots gehabt davon so hohe Bam zu haben. Es ist schnell was passiert, braucht bloß die Leiter sich etwas drehen, schon ist passiert.

Wolfgang: Oh je, das ist wirklich gefährlich.

Hast du da auch Lieblingssorten die du besonders gern magst?

Anni: I hob meisten junge Sorten, zu 90%, 10% sind alte Apfelsorten. Am liebsten sind mir der Santana, Rubinola, der Admiral, Rubinstar, Angold, Karneval. Der Karneval ist ein Faschingsapfel, der schaut direkt aus wie verwaschen.Der hat um den Schenkel rum grünen Streifen und wechselt dann mal grün mal rote Streifen. Wie verwaschen eben.

Wolfgang. Dann hast du also auch viele neuere Apfelsorten bei dir?

Anni: Sagen ma mal so. Zu 90% hab ich junge Sorten, international.Zu mir kommen Tschechschen, Österreicher, Franzozen, Spanier, Portugiesen, aus ganz Europa und sogar aus Australien kommen die Apfelexperten zu mir.Und ein jeder bringt mir ein Zweigerl mit.

Wolfgang: Und wie behälts du dann noch den Überblick über soviele verschiedene Apfelsorten?

Anni: Ich hobs im Garten auf Nummern und im Haus eine Liste. Dort stehen dann die Sorten drauf.Ich darf draussen keine Sorten hin schreiben sonst reißen mir die Leut die Zweige runter. Bei mir waren jetzt über 6600 Besucher und heuer kommen wieder etliche dazu. Gartenbauvereine und auch Privatpersonen sind darunter.

Wolfgang: Dann bist du ja viel beschäftigt das ganze Jahr.

Anni: Im Sommer stehe ich um 4 Uhr auf, damit ich meine ganze Arbeit erledigt bekomme.

Wolfgang: Jetzt noch einen Frage Anni zum Lagern der Äpfel. Wie lagerst du deine Äpfel? Hast du da etwas Spezielles oder wie machst du das genau?

Anni: Im Momnet (Mitte Februar) hab ich noch so 40 Sorten zu Hause und die sind alle noch ganz frisch.Ich hab die im 1.Stock im Flur. Wir haben ja keine Heizung, Bei uns ist es kalt, gerade haben wir 2 Grad. Die Äpfel liegen ganz einfach in Apfelkisten drin. Voriges Jahr haben wir den letzten Apfel Mitte Juni gegessen. Es war die Sorte Revella. Der Pilot hält auch ganz lang, das ist der Pillnitzer Stein, so wird er auch genannt.

Wolfgang: Jetzt hab ich noch eine Frage zum Veredeln. Du veredelts ja auch ziemlich viel?

Anni:Im vorigen Jahr hab ich nur noch 250 Reiser drauf gemacht. Im Jahr davor waren es über 500. In anderen Jahren hab ich aber auch schon 1000-1800 Reiser pro Jahr veredelt. Immer im April und Mai.

Da komm ich oft den ganzen Tag nicht Heim. Da holt mich einer ab und fährt mich zum nächsten Garten weiter. So geht das Reih um immer weiter.

Ich veredele Zwetschgen, Pfirsich, Äpfel, Birnen. Ich hab Pfirsiche auf einen Aprikosenbaum veredelt. Das war vor 2 Jahren, voriges Jahr hab ich dann schon 40 Pfirsich dran gehabt. Aber ich hab nicht viele ernten können weil die Wespen und Hornissen das meiste gefressen haben.

Ich werde sie wohl heuer mit Marmelade und Saft vom Baum ablenken.

Wolfgang: Nochmal zurück zum Veredeln. Mit welchen Methoden arbeitetest du da genau? Kopulation, Rindenpfropfen?

Anni: Ich mach alle drei Varianten. Hinter die Rinde(Rindenpfropfen), alle beide übereinander schneiden( Kopulation) und mit den Augen (Okulation) des macht man im August.

Wolfgang: Wann beginnst du in etwa mit dem Veredeln?

Anni: Das ist so je nach Witterung 10.-12. April, dann fang ich an mit dem Veredeln. Das geht dann bis längstens 10. Mai. Dann ist Schluss. Weil wenn sie anwachsen und es wird zu warm, dann vertrocknen sie sonst später wieder.

Wolfgang: Sag mal Anni, wie lagerst du deine Edelreiser?

Anni: Ich schneid die Äste so etwa 30 cm lang und beschrifte sie dann. Danach kommen sie fest eingewickelt in einen Gefrierbeutel in den Kühlschrank. Aber bitte nicht ins Gefrierfach. Normal in den Kühlschrank so bei +4-5 Grad etwa. Meine letzten Edelreiser im vorigen Jahr hab ich Ende Juni raus und veredelt und sind auch noch alle angewachsen. Die bleiben im Kühlschrank lange frisch. Die Reiser kommen trocken in den Gefrierbeutel rein. Da kommt dann nix mehr dazu. Ganz normal nur die Reiser rein legen. Wichtig ist das keine Luft in die Tüte kann. Deshalb schlag ich das Ende der Tüte oben um und wickele das fest mit einem Gummi zu.

Ich tu dann die Reiser erst wieder raus, wenn ich veredele. Immer nur soviele wie ich gerade brauche.

Beim Veredeln nimm ich das flexible Veredelungsband, das ist am besten und verwittert nach 2 Jahren automatisch. Den Bast mag ich überhaupt nicht, der wächst ein und dann hast du vor und hinter dem Bast so Verdickungen und in der Mitte erwürgt es den Ast.

Wolfgang: Welches Messer benutzt du zum Veredeln?

Anni: Ich nehm ein Teppichmesser weil die super scharf sind. So eines mit den kurzen dreieckigen Klingen. Nicht so eines mit den langen Klingen bei dem man die Klingenteile abbricht. Wenn ich eine scharfe Klinge brauch dann leg ich einfach ein neues Messer ein. Wasch es gut ab und desinfiziere es und dann leg ich erst wieder in den Griff. Es darf keine Fettrückstände an der Klinge sein, sonst wachsen die Edelreiser nicht an. Wichtig ist auch das man die Schnittstellen der Reiser nicht mit den Fingern berühren darf. Wenn man doch in die Schnittstelle rein langt, dann wachst es nicht mehr an.

Bei mir wachsen alle an. Wenn ich 500 Veredelungen mach, dann ist höchstens eines dabei das nicht anwächst.Und das hab ich dann im Vorherein schon gewußt das das nicht anwächst.

Selbst meine Veredelungen Pfirsisch auf Aprikosen ist angewachsen. Dabei hat in einer Gartenzeitschrift gestanden das das vollkommen zwecklos ist. Bei mir hat es funktioniert. Dann hab ich denen von der Zeitung ein Foto geschickt und einen Brief geschrieben aber die haben sich dann nicht mehr gerührt.

Da hab ich einen Kirschbaum gehabt, an dem haben sich 4 Jahre lange andere dran versucht, die das Veredeln können. Nie ist ein Edelreis angewachsen. Abschneiden wollten sie den Baum nicht. Dann haben sie mich noch geholt. Dann hab ich es gemacht und alle Reiser sind angegangen.

Wolfgang: Wie veredelst du deine Kirschbäume?

Anni: Ich schneide ich Reiser schon früh damit sie später nicht vertrocknen. Sonst sind die Knospen zu grosss. Dann veredele ich hinter die Rinde. Das ist bei uns so Mitte April. Vorher löst sich die Rinde nicht. Wir sind ja hier etwas hinten dran mit den Temperaturen. Wir sind ja hier auf fast 700 Metern Höhe. Ich sag immer wir sind hier im Bayerischen Sibirien.

Ich hab schon viele Berufsgruppe bei mir zu Hause gehabt, die das Veredeln lernen möchten. Bei uns in der Stuben.Mit den Weidenruten hab ich ihnen das Schneiden gelernt. Heuer muss i eh wieder einen Kurs machen. Bei mir dahoam.

Wolfgang: Anni, vielen herzlichen Dank für deine Zeit und die vielen Tipps. Bleib gesund und munter und bis bald mal wieder.

Anni: Ja gern geschehen.

Anmerkungen:

Anni erzählt mir noch das es immer wieder vorkommt das Leute zu ihr in den Garten wollen um Äpfel zu stehlen. Manch einer geht sogar soweit das er ganze Äste abbricht und mit nimmt. Auch vor Edelreiser auf dem Baum macht so mancher Besucher nicht Halt und reißt sie heraus und nimmt sie mit.Deshalb nummeriert sie alle Ihre Apfelsorten draussen im Garten und schreibt nicht die Sorte direkt an den Baum. Sonst würden noch viel mehr Äste und Äpfel gestohlen, ist sich die Anni sicher.

Dabei muss man wissen das Anni und ihr Mann Alois sehr bescheiden von einer kleinen Rente leben. Im Haus haben sie weder ein Bad noch eine Heizung. Sie leben viel von dem was sie im Garten anbauen.

Unter jungen Apfelsorten versteht man die modernen, resitenten Apfelsorten